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Journalisten übernachten bei Wahlkandidaten
Das Magazin «L'Hebdo» erprobt eine neue Form von Wahlberichterstattung. Seine Mitarbeiter besuchen die Kandidaten zu Hause. Die multimedialen Berichte kann man im Internet aufrufen.
von Bruno Giussani
28. September 2007, NZZ
Die Information im Umfeld von Wahlkampagnen braucht neue Impulse. Denn in der Schweiz wie auch in andern Ländern gerät die Wahlberichterstattung zu einem Festival von Sprechblasen, von endlosen Exegesen dessen, was Parteiprogramme meinen, was die Kandidaten sagen und wie sie es in Fernsehdebatten darlegen. In den Hintergrund gerät dabei die Frage, wer die Kandidaten sind und was sie tun. Wer aber darauf achtet, wird mehr darüber erfahren, wie sich die Politiker verhalten und welche politischen Entscheide sie fällen werden.
Das Westschweizer Magazin «L'Hebdo» hat einen neuen Weg gewählt: Es schickt seine Reporter in die Wohnhäuser und Wohnungen der Kandidaten, wo die Journalisten auch die Nacht verbringen. «L'Hebdo» erregte bereits im vergangenen Jahr Aufsehen, als seine Journalisten abwechslungsweise in eine von Unruhen erschütterte Pariser Vorstadt gingen und von dort aus auch via Internet berichteten – aus dem Experiment entstand ein verblüffendes Beispiel von bürgernahem Journalismus. Der BondyBlog wird inzwischen von einer Gruppe junger Lokaljournalisten weitergeführt.
Mitte Mai startete «L'Hebdo» einen ähnlichen Versuch mit Blick auf die kommenden Nationalratswahlen: Alle Redaktoren, Reporter und Mitarbeiter fassen im Wochenturnus einen Rucksack voll von Hightech-Geräten: einen Laptop mit drahtlosem Internet-Anschluss, eine Foto- und eine Videokamera, ein Mobiltelefon sowie ein Gewirr von Kabeln samt Adaptern. Die Journalisten reisen in alle Regionen der Schweiz, besuchen die Kandidaten und schlafen in deren Gästezimmern oder auf deren Sofas. Und sie berichten darüber auf einer Website mit dem Namen «Blog&Breakfast» (www.blogandbreakfast.ch).
Die «Hebdo»-Leute verbrachten bereits mehr als hundert Nächte zu Hause bei den Kandidaten. Ihre multimedialen Berichte, die man im Internet aufrufen kann, zeigen die Normalität, welche das Leben der meisten Politiker prägt. Die Online-Tagebücher stellen den Versuch dar, näher an die Kandidaten heranzukommen, ihre Ambitionen, Talente, Charaktere und Zweifel zu zeigen. Besucht werden die bekannten wie die unbekannten Bewerber, auch jene, die kaum Chancen auf Erfolg haben. Die Beiträge sind zudem verlinkt mit Google Maps und Google Earth. Der Nutzer erhält so die Möglichkeit, den Routen der Reporter via Landkarte und Luftbilder zu folgen. Und er kann die Schönheit und Vielfalt der Schweizer Landschaften entdecken.
Die Idee zu diesem journalistischen Experiment provozierte bei der Belegschaft zuerst Gelächter, erzählt Titus Plattner, der für «B&B» verantwortliche Redaktor. Witzelnd schlug einer vor, den Blog «Embedded» zu taufen. Andere befürchteten, dass das Projekt anzüglich verstanden werden könnte. Schliesslich entwickelte sich eine seriöse Debatte über die Grenzen des politischen Journalismus. Einige befürchteten, die Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit zu verlieren, wenn man sich so nahe auf die Kandidaten einlasse. Andere warnten vor Personalisierung und Banalisierung. Aber die meisten verteidigten die Idee als originelle Art, über Politik zu reden und die Kluft zwischen Politikern und Bürgern zu schliessen, indem konkret über das alltägliche Leben der Kandidaten berichtet wird. «Reporter und Politiker sind sich immer nahe, wir legen diesen Sachverhalt nur offen», sagt Plattner.
Und so reisen die Journalisten nach Zürich, nach Genf und in kleine Bergdörfer, all die Nachrichtenredaktoren, die politischen Experten, Kolumnisten, Wirtschaftskorrespondenten und Lifestyle-Spezialisten. Sie schreiben täglich mehrere Geschichten und placieren Fotos oder Videos, auf denen die Kandidaten ihre Positionen in einer Minute darlegen. Die Journalisten zeigen das Bett oder das Sofa, wo sie geschlafen haben. Sie begleiten die Kandidaten zu Meetings mit Parteimitgliedern und mit Wahlkampfhelfern, sie nehmen an Wahlveranstaltungen teil, an Unterschriftensammlungen, oder sie gehen mit jungen grünen Politikern auf SUV-Jagd. Es handelt sich um Reportagen in ihrer reinsten Form.
Die Arbeit ist auch physisch anstrengend. Die Journalisten diskutieren mit den Kandidaten manchmal bis in die Nacht hinein und müssen dann noch ihre Berichte schreiben – und daran denken, wo sie ihre nächste Nacht verbringen. Der spannende Moment, sagt Plattner, komme dann, wenn einem die Fragen ausgegangen sind. Hier handelt es sich um eine sehr transparente Form von Journalismus. Die Leser sehen, auf welche Weise die Reporter arbeiten und diskutieren, und sie können kommentierend eingreifen. Einige Kandidaten wollten zwar keine Journalisten empfangen, andere hätten hingegen angerufen und Einladungen angeboten, sagt Plattner.
Das «Blog&Breakfast»-Blog gleiche einem kollektiven Porträt des hiesigen politischen Personals und es biete zudem einen Einblick in die politischen Prozesse, sagt «Hebdo»-Chefredaktor Alain Jeannet: Was heisst es heute, in der Schweiz Politik zu betreiben? Wie funktioniert das? Was motiviert die Leute? Wie kommt dabei ein Novize zurecht? Darauf erhält man Antworten.
Dennoch respektieren die Reporter die Privatsphäre der Kandidaten. Privates wird nur publiziert, soweit es politisch von Bedeutung ist. «Es geht nicht um Voyeurismus, sondern um eine neue Diskussionsart», sagt Plattner. Die Reporter müssten nicht Schwachstellen aufspüren oder sogleich Reaktionen anderer Parteien einholen, sondern beobachten, zuhören und beschreiben. In dieser Atmosphäre entstehen neue Ideen, etwa die eines Wahlrechts ab Geburt. Natürlich kommt es zu Missverständnissen. Als eine Reporterin einen Deutschschweizer Kandidaten um Gastrecht bat, reagierte dieser verwirrt und sagte: «Aber ich bin verheiratet!»
Die Möglichkeit, die Blog-Beiträge durch Karten und Luftaufnahmen räumlich zu verorten, hält Plattner für wegweisend. Seiner Meinung nach werden alle Nachrichten künftig nicht nur mit Ort und Datum, sondern auch mit der Uhrzeit und den GPS-Koordinaten versehen. Dies verbessere die Transparenz der Informationen und mache deren individuelle Zuordnung einfacher.
Das «Blog&Breakfast»-Experiment stellt gleichzeitig einen Versuch dar, die Möglichkeiten der Presse in der Online-Zukunft auszuloten. Viele Journalisten sind immer noch verunsichert ob der neuen technischen Apparaturen. Mit ein bisschen Übung habe allerdings jeder diese Hürden zu überwinden vermocht, sagt Plattner. Und: Die Reporter hätten die Gästezimmer meist als herb, sauber und bequem empfunden. Wie die Schweizer Politik.
(copyright 2007 Bruno Giussani)
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