> giussani.com
  
Homepage
Articles Archive
Biography
About this site
Contact


 > Books/Libri
  
Roam
Senza Fili
Storia di @
  

copyright
1994-2002
bruno giussani
all rights reserved

www.giussani.com/biography


"In 15 Jahren wird Hochdeutsch in der Schweiz Nebensache sein"

Bruno Giussani über Englisch als Landessprache, schweizerische Tugenden und die Zukunft von UMTS.

von Fred David, Cash, 12. April 2002

Er ist ein Schweizer Multikulti, ein Wanderer zwischen Firmen, Welten und Kulturen. In der internationalen Cyber Scene gilt er als einer der wichtigsten Köpfe: Bruno Giussani denkt über drahtlose Kommunikation nach, hat ein viel beachtetes Buch darüber geschrieben - und verzweifelt oftmals an den verzagten Schweizern.

Bruno Giussani, wer sind Sie?

Bruno Giussani: Man hat gesagt, ich sei ein «realistischer Futurist». Das gefällt mir. Und ich bin ein Pendler: zwischen Tessin und Zürich, zwischen europäischen Ländern, zwischen Europa und den USA, zwischen Kulturen und Sprachen.

Sie sind Tessiner italienischer Abstammung, haben lange in Lausanne, London und New York gearbeitet und leben jetzt in Zürich. In welcher Sprache machen wir das Interview?

Italienisch, Französisch, Englisch? Mit Schweizerdeutsch tue ich mich noch etwas schwer.

Und ich mit Französisch. Also machen wirs in Englisch. Eigentlich merkwürdig, dass sich zwei Schweizer auf Englisch verständigen.

In etwa 15 Jahren, würde ich schätzen, wird die Mehrheit der Deutschschweizer und damit die Mehrheit der Schweizer im Business Englisch und im Alltag Schwyzerdüütsch reden. Hochdeutsch wird Nebensache.

Vielleicht lohnt es sich ja bald, CASH in Englisch zu drucken.

Das solltet ihr euch vielleicht überlegen. In Sachen Sprache zeichnet sich eine Evolution ab.
Lugano, Lausanne, New York, Zürich

Bruno Giussani, 37, begann seine Karriere beim «Giornale del Popolo» in Lugano, wechselte zum Westschweizer Magazin «L'Hebdo», wo er mit 27 Jahren das Politikressort leitete, ging 1994 als Korrespondent nach New York und tauchte dort in die Cyber Scene ein. Für «L'Hebdo» richtete er 1995 die erste Website eines Schweizer Medienunternehmens ein. Danach arbeitete er für zwei Jahre als Director of Internet Strategy beim WEF, schrieb Internetkolumnen für die «New York Times» und wurde Europachef des «Industry Standard», der kurzfristig zur Bibel der New Economy anvancierte. 2001 veröffentlichte Giussani sein Buch «Roam/Making Sense of the Wireless Internet», das Massstäbe in der Branche setzte. Heute ist er Director of Innovation bei 3G Mobile, der Schweizer Tochter des Telefónica-Konzerns. Giussani ist Single und lebt in Zürich.

Heisst das, Englisch als verbindende Hauptsprache in der Schweiz?

Wir brauchen eine Sprache, um weltweit zu kommunizieren. Anderseits braucht eine Gesellschaft eine Identitätssprache. Die Deutschschweizer haben da noch ein Problem vor sich.

Warum?

Die Mehrheit der Schweizer spricht eine Muttersprache, die nicht in der Bundesverfassung erwähnt wird. Schweizerdeutsch ist schliesslich nicht Deutsch. Bei jüngeren Deutschschweizern ist Deutsch eindeutig eine Fremdsprache. Der Sprung zum Englischen wäre ja nicht unmöglich. Mich würde Englisch im Parlament oder in der Armee überhaupt nicht stören. Das kann etwas Kreatives auslösen.

Der erste Nationalrat, der das wagt, erhält von CASH einen Sonderpreis. Macht Ihnen als Tessiner der Alltag in der Deutschschweiz trotz der Sprachenkonfusion keine Probleme?

Ich lebe gern in Zürich. Dies ist eine sehr weltoffene Stadt. Ausserhalb der angelsächsischen Welt finde ich in keiner Stadt so viele englischsprachige Zeitungen. Sogar in der Migros antwortet die Kassiererin in Englisch.

Auf der andern Seite ist Swissness gross im Kommen. Sogar die Bankiervereinigung wirbt neuerdings mit einem Bernhardiner. Schleicht sich da ein Neonationalismus durch die Hintertür ein?

Das glaube ich nicht. Daran stören mich nur die Clichés über die Schweiz, an die offenbar nur noch die Schweizer glauben. Je weiter man sich von der Schweiz entfernt, umso differenzierter wird das Bild. Wir werden gar nicht so sehr als Sonderfall wahrgenommen, wie wir uns das selber gerne einreden.

Haben Sie etwa mit Tyler Brûlé, dem Propagandisten der New swissness, einen Beratervertrag?

Sorry, das ist auch wieder so ein Cliché! Zum Markennamen Swiss fand ich die bisher negativsten Äusserungen in Schweizer Leserbriefen. Tenor: Hier wolle eine Airline besonders cool tun und dann wähle man ausgerechnet Swiss als Name. Das stehe doch für Schokolade, Alphörner, Kühe und bestenfalls noch für das Bankgeheimnis. Diese angebliche Wahrnehmung im Ausland deckt sich nicht mit meinen Erfahrungen. Swiss ist noch immer ungebrochen ein Synonym für Verlässlichkeit, Qualität, Vertrauenswürdigkeit.

Wenn das bloss nicht auch wieder Clichés sind, wie die Abbildung des Wilhelm Tell im neuen Schweizer Pass, der 2003 eingeführt wird ...

Ich beschönige da nichts. Natürlich müssen wir noch unsere Hausaufgaben machen, insbesondere im ökonomischen Bereich. Wir stehen an einem Wendepunkt. Wir haben einige sehr grosse globale Unternehmen, für die die Schweiz als Standort immer weniger wichtig wird, obwohl sie das Gegenteil behaupten. Sie sind nicht länger der Motor der Schweizer Wirtschaft. Sie haben nur noch ihren Sitz hier, und niemand kann Prognosen darüber abgeben, wie lange das noch so bleiben wird.

Obwohl Sie bereits eine beeindruckende Berufskarriere im Ausland hinter sich haben, scheint Sie die Zukunft der Schweiz besonders zu interessieren.

Es macht mich verrückt, dass es keine positive, kreative, offene Diskussion gibt, wohin sich dieses Land entwickeln soll. Es braucht einen Kanadier wie Tyler Brûlé und eine Texanerin wie Shawne Fielding, um Positives über die Schweiz zu sagen.

Vielleicht heisst die Frage eher: Will die Schweiz überhaupt irgendwo hin?

Es gibt zu viel Negativismus hier, oder dann wehrt man einfach alles ab, was von aussen kommt. Das sind die zwei Grundströmungen, die ich wahrnehme. It drives me nuts! Die Schweiz hat so viele positive Möglichkeiten, aber die werden nicht von allein umgesetzt.

Sie sind einer von 50 «movers and shakers of the European cyber scene», wie wir einer einschlägigen Hitliste aus Grossbritannien entnehmen. Wie kommt man als Schweizer auf diese Liste?

Ein Onlinejournalist der «Financial Times Marketwatch» hat diese Liste in Buchform publiziert. Es hat sicher damit zu tun, dass ich am Networking dieser Szene intensiv beteiligt bin.

Sie haben die erste Website eines schweizerischen Medienunternehmens ins Netz gestellt.

Ja, für das Lausanner Magazin «L'Hebdo». Damit begannen wir 1995. Später war ich Europa-Chef des Cyber-Magazins «Industry Standard». Ich pendelte dauernd zwischen der Schweiz, London und den USA. Networking ist das A und O.

Das war zu den heissen Zeiten des New Market - also in der tiefen Vergangenheit.

Das ist ja erst ein paar Jahre her. 1998 war der «Industry Standard» ein Riesenerfolg. Allein in den USA erreichten wir eine Auflage von 300 000 Exemplaren. Wir hatten die meisten Inserate, die ein Magazin in den USA je ausweisen konnte.

Heute ist diese Bibel aller Cyber Spacer nur noch Geschichte ...

Stimmt. Das ist halt auch typisch für diese Entwicklung.

Jetzt sind Sie Director of Innovation bei 3G Mobile, der Schweizer Tochter des spanischen Telefónica-Konzerns. Schöner Titel. Was macht ein Director of Innovation den ganzen Tag?

Der Mobilphone-Markt ist unberechenbar und dauernd in Bewegung. Wenn man diesen nicht täglich intensiv beobachtet, Gespräche führt, eben Networking betreibt, verpasst man den Anschluss. Ich mache eine Art Scouting. Ich spüre neue Anwendungsbereiche fürs Mobile auf und bewerte deren Plausibilität.

Experten sagen, UMTS sei Schnee von gestern. Bald kommt die leistungsfähigere 4G-Technologie.

Für mich ist diese so genannte vierte Mobilfunkgeneration zurzeit mehr ein Konzept als eine Technologie. Ich habe keine Zweifel, dass UMTS kommt und dass es erfolgreich sein wird.

Als Kunde wird man bei all den Versprechungen vorsichtig. Man sagt uns, es wird alles einfacher, billiger und umfassender. Die Erfahrung ist: Es wird alles komplizierter und teurer und funktioniert am Ende doch nie so wie vorausgesagt.
What's your opinion?

Swissness: Swiss is cool. Only the Swiss seem not to know it.

Bill Gates: He used to talk only about software: how boring. But with his foundation he's now turning upside-down the way we think of charity and development.

New York: Has been hit hard on September 11, but it's already back on its feet. Amazing. This city has character.

Roam: Means: wandern; schwyzerdüütsch: tschalpe; in English: to travel purposefully unhindered through a wide area. The title of my book.

SMS: I'm an SMS-freak. It's often easier, faster and more discreet than a call. 666-3-33-777 - electronic code for «oder».

Best Website: «The New York Times on the Web» remains the reference for quality and depth of information, and for the way it is presented.

Schwyzerdüütsch: A linguistic misunderstanding: It is the mother tongue of most Swiss people, but it's not considered a national language.

Stopp. Es wird vielleicht nicht billiger, aber mit Sicherheit auch nicht komplizierter. Es wird aber nicht so sein, dass man per Handy seinen Haushalt steuern oder das Büro regeln kann.

Werden wir also das Internet mit UMTS nicht auf dem Handy haben?

Nein, UMTS bedient einen Massenmarkt. Längst nicht jede Applikation des Internets kann drahtlos funktionieren.

Man kann sich auch Videos aufs Handy herunterladen. Aber will ich das?

Das wäre ja auch Nonsens. Man muss unterscheiden zwischen «rich» and «reach». Rich, also reich, steht fürs Internet - für unendliche Datenfluten und Anwendungsmöglichkeiten. Reach, also erreichen, steht fürs Handy: überall erreichbar sein, und zwar genau mit jenen Informationen, die mir zu dem Zeitpunkt, wo ich sie brauche, etwas nützen. Nicht mehr, nicht weniger.

Wer wird den Riesenaufwand für UMTS am Ende bezahlen?

Wenn ich das wüsste, wäre ich der beste Bankanalyst der Welt.

Wir wissen es. Der Kunde wird bezahlen.

Das ist klar. Die Frage ist, wie viel man für UMTS verlangen kann. In Japan beträgt die Basisgebühr derzeit umgerechnet drei Franken im Monat. In der Schweiz kann man sich fünf Franken vorstellen.

Und für jeden Zusatzdienst noch Extragebühren?

Ja, genau nach Nutzung.

Wird in der Schweiz die UMTS-Nutzung billiger sein als im europäischen Ausland, weil die Telefongesellschaften nur 50 Millionen Franken für die Frequenzen bezahlen mussten?

So kann man das nicht sehen. In Finnland wurden die Frequenzen gratis vergeben. Deswegen wird die UMTS-Nutzung dort dennoch nicht gratis sein können.

UMTS benötigt einen zusätzlichen Antennenwald. Werden sich die vier Schweizer Gesellschaften darauf einigen, die Antennen gemeinsam zu nutzen?

Ich kann dazu nur meine persönliche Meinung sagen. Wirtschaftspolitisch wäre es sicher sinnvoll. Für die Unternehmen ist es wegen unterschiedlicher Bedürfnisse und Strategien problematisch. Ich fürchte, dieser Vorschlag von der Stiftung Avenir Suisse kommt ein Jahr zu spät.

(copyright Cash, 2002)
(résumé en français/Zusammenfassung auf Französisch)
(back to Bruno's Biography)