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Bruno Giussani, Internet-Guru

Aus der Serie "Siamo Ticinesi: Jung, unverbraucht und voller Ideen: Tessinerinnen und Tessiner auf dem Sprung nach oben".

von Daniel Weber, NZZ Folio, 5. März 2001

Seit er mit 19 von zu Hause wegzog, um zunächst Lokaljournalist beim «Giornale del Popolo» zu werden und dann in Genf Politologie zu studieren, hat es ihn nirgendwo lange gehalten. Bruno Giussani (37), Sohn eines aus Bergamo nach Faido eingewanderten Maurers, ist ein Nomade, der in seiner Berufskarriere schon auf mehr Stationen zurückblicken kann als manch einer im gesetzten Alter.

Nach dem Studium war er für kurze Zeit noch einmal als Journalist im Tessin, beim «Eco di Locarno», aber schon mit 26 wurde er als Leiter des Ressorts Politik vom Wochenmagazin «L'Hebdo» nach Lausanne geholt, drei Jahre später wurde er dessen Korrespondent in New York. Dort entdeckte er das Internet und beschloss, sich künftig voll auf die neue Technologie und Ökonomie zu konzentrieren - da spürte er eine innovative Energie, die, wie es ihm schien, der Politik abhanden gekommen war.

Zurück in Lausanne, lancierte Giussani 1995 «Webdo», die als erste schweizerische Mediensite ins Netz ging, gründete mit Kollegen im Tessin den Internetprovider Tinet und wurde schnell zum nicht nur im eigenen Land gefragten Experten in Sachen www - unter anderem verpflichtete ihn die «New York Times» als Kolumnisten für ihre Onlineausgabe. Diesen Job behielt er auch bei, als er 1998 für zwei Jahre Direktor für Internetstrategie des Davoser Weltwirtschaftsforums wurde.

Aber Giussani ist ein Vollblutjournalist, die Neugier treibt ihn an und um; seit letztem Jahr ist er wieder in der Branche, als einer der leitenden Redaktoren der Business-Zeitschrift «Industry Standard Europe» in London. Englisch spricht er ebenso gut wie Italienisch, Französisch, Spanisch und Deutsch. Für sein Blatt reist er viel herum, wirkt als Projektberater, referiert an Konferenzen. Darum ist Zürich, wo er seit kurzem wohnt, mit dem nahen Flughafen eine ideale Basisstation.

Aber wo immer er bis jetzt auch gelebt hat, stets war er ein Wochenaufenthalter - an den Wochenenden zieht es ihn ins Tessin, ins Elternhaus nach Faido, zu den Freunden in Lugano und Locarno. Schliesslich bleibt er mit seinem Laptop auch dort mit der ganzen Welt verbunden. "Mr. Connected" wird er in "Europe's A List" genannt, einem eben in London erschienenen Buch, das die fünfzig wichtigsten Mitglieder der europäischen Cyberszene portraitiert. Der junge Mann, der Gelassenheit und Reife ausstrahlt, hat ein grosses Talent, Kontakte zu knüpfen, Netze zu flechten.

Darum ist es kein Zufall, wenn ihm als Sinnbild für das Tessin die Piazza Grande von Locarno einfällt: ein Platz der Gegensätze, wo architektonisch historische Schönheit auf moderne Hässlichkeit prallt, ein Platz der Begegnung für Tourismus und Kultur, kurz, ein Treffpunkt. Und der See ist nur zwei Minuten entfernt, sagt er mit einem Lächeln.

(copyright NZZ Folio 2001)