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Der Prophet im eigenen Laden

"Webdo"-Pionier Bruno Giussani über Internet-Auftritte

von Christoph Büchi, Die Werbewoche, 25. April 1997

Als Schöpfer des "Hebdo"-Websites "Webdo" hat Bruno Giussani Pionierarbeit geleistet. Und neuerdings verfolgt der 33jährige Tessiner gar als Kolumnist der "New York Times" die europäische Cyber-Szene. Im Gespräch mit der WerbeWoche erläutert er, was Pressemenschen bei ihrem Internet-Auftritt unbedingt beachten sollten.

Bruno Giussani, aus dem Tessin stammender Westschweizer Journalist, kann sich über mangelnde Anerkennung nicht beklagen. Als Internet-Pionier hat er den Bedag-Informationspreis bekommen. Und das "Webdo" wurde von der Publicitas-Tochter MMD als bester Website der Schweizer Presse ausgezeichnet. Doch jetzt will sich Giussani eine Denkpause gönnen, weshalb er sich bis auf weiteres von "L'Hebdo" verabschiedet hat. Nein, auf seinen Lorbeeren ausruhen will er nicht, sondern ein Buch über Internet schreiben und andere Aktivitäten pflegen. Mit der Schrift "Internet - le nouvel outil", im CRFJ (Centre romand de formation des journalistes) in Lausanne erschienen, hat er sich bereits als Sachautor empfohlen.

Print-Saulus wird zum Web-Paulus

Die Beziehungen zwischen Giussani und dem Web sind eine bereits über drei Jahre "alte" Liebesgeschichte - und drei Jahre sind ja in der Cyberworld eine Ewigkeit. 1994 ging Giussani als Korrespondent für "L'Hebdo" in die USA. Ein Interview mit Nicholas Negroponte im MediaLab am MIT wurde zum "Damaskus-Erlebnis", bei dem sich der Print-Saulus zum Internet-Paulus wandelte. Giussani überzeugte hierauf den damaligen "Hebdo"-Chefredaktor Jean-Claude Péclet, ins Internet zu springen. Und im September 1995 wurde "Whebdo" lanciert - als erster Website der Schweizer Presse.

Homepage muss aktuell wirken

Das "Whebdo" (es wurde anfangs mit "h" geschrieben, um seine Verwandtschaft mit "L'Hebdo" zu unterstreichen) bot anfangs eine Auswahl von Artikeln aus dem Wochenmagazin an, und als Eigenleistung einen wöchentlichen News-Ueberblick. Obwohl das Produkt rasch einschlug, wurde es bereits nach fünf Monaten völlig neu gestaltet. Giussani: "Wir haben anfangs auf der Homepage nur ein Inhaltsverzeichnis gebracht, aber keine News. Bei einem Presse-Site ist dies ein Fehler, denn man muss die Aktualität des Angebots herausstreichen. Sonst ist es, wie wenn man ein Wochenmagazin immer mit dem gleichen Umschlag veröffentlicht."

Das "Webdo", das sich inzwischen vom Magazin verselbständigt hat, bringt heute einiges mehr als nur einen "Online"-Zugriff aufs "Hebdo". Neben den wichtigsten Artikeln aus der Wochenzeitung bietet es einen fortzu aktualisierten News-Dienst, Filmkritiken, Dokumente zu aktuellen Themen, Beihilfen zum Surfen im Web ("WebActu"), und einen interaktiven Briefkasten-Dienst.

Wer schreibt, dem wird geschrieben

Für Giussani ist der Kontakt mit den Nutzern für den Erfolg eines Presse-Websites entscheidend. Deshalb gilt: wer dem "Webdo" schreibt, der bekommt eine - individuelle! - Antwort. Ein Teil der Messages sind zudem im "Webdo" zu lesen.

Dies zieht natürlich einen grossen Zeitaufwand nach sich. Aber der Aufwand lohnt sich, versichert Giussani, und zwar nicht nur, weil es das Kommunikationsideal der Cyber-Gemeinde so will. Sondern weil eine wahre Interaktivität den Site erst attraktiv macht und erlaubt, die Struktur und der Bedürfnisse der Leserschaft besser kennenzulernen. Und das sei viel bedeutender als ein unmittelbarer "return on investment".

Der Erfolg des "Webdo" gibt ihm recht. Die Benutzerfrequenz ist von anfänglich 42'000 auf heute 142'000 Hits pro Woche gewachsen. Giussani rechnet, dass pro Woche etwa 10'000 Personen den Site benützen. Wer die Nutzer sind, wissen die Webdo-Macher erst ansatzweise. Giussani vermutet, dass sie etwa zur Hälfte in der Schweiz und im Ausland leben.

Webdonauten im Ausland

Viele im Ausland lebenden Schweizer benützen "Webdo", um den Kontakt mit der Romandie behalten. Meist sind es Leute mit guter Ausbildung und einem Alter zwischen 25 und 45 Jahren, und mit ausgeprägten politischen und sozialen Interessen.

Das "Webdo" hat Ringier Romandie natürlich einiges gekostet, vor allem das Salär für zwei Personen. Frage an Giussani: Bringt ein Internet-Engagement einem Presseverlag wirklich mehr als nur etwas Prestige und das Gefühl, auch "etwas" auf dem Web zu tun? Oder noch brutaler gefragt: Trägt's was ein, ausser Spesen? Antwort: "Man muss die Kosten-Nutzen-Analyse in einem breiteren Rahmen sehen. Zuerst einmal bringt Internet und e-mail einer Pressegruppe in der Regel grosse Rationalisierungsgewinne."

Zeit gewinnen

Zudem hat die "Hebdo"-Redaktion dank dem "Webdo" beim Recherchieren Zeit gewonnen. Beim Attentat in Oklahoma beispielshabe hätten die Kollegen zum erstenmal richtig gemerkt, wie rasch und leicht wichtige Dokumente dank Internet greifbar werden. Entscheidend ist freilich, dass die Web-Macher in einer Zeitungsredaktion nicht einfach als "verrückte Hunde" deklariert und isoliert, sondern vielmehr integriert würden.

Giussani ist zudem überzeugt, dass ein Website auch zum Kauf der Zeitungen anregen kann. Letzten Endes aber hätten die Verleger gar keine andere Wahl. Denn wenn sie nicht selbst ihre Infos auf dem Web anbieten, tun es andere.

Kein brennendes Interesse in Zürich

Die Gefahr, dass Branchenfremde den Verlegern sowohl auf publizistischer als auch auf Inserate-Ebene das Wasser abgraben, sei reel. Aber die Verleger hielten drei Trümpfe in der Hand: ihre Redaktionen, ihre Kredibilität, und ihre Verbundenheit mit der lokalen "Community".

Letzte Frage an den Web-Pionier: Interessiert sich das Mutterhaus Ringier für die Erfahrungen, die bei "Webdo" gemacht wurden? Giussani ist da nicht ganz sicher: "Ich glaube, wir konnten unser Experiment durchziehen, weil wir als Westschweizer Ringier-Ableger grosse Freiheit hatten. Ich glaube aber nicht, dass man sich in Zürich sehr für unsere Erfahrungen interessiert." Der Prophet im eigenen Laden...

(copyright Werbewoche 1997)