The Press About Us
Das Nazigold im Internet
Das Internet ist in der Diskussion um das Nazigold und die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg zur wichtigen Informationsquelle geworden.
von Dominik Landwehr
Brückenbauer, 22. Juli 1997
«Die laufende Kontroverse wird zu einem wesentlichen Teil
über die Medien ausgetragen und hinterlässt natürlich
auch auf dem Internet als neuem Medium seine Spuren», sagt der
Westschweizer Journalist Bruno Giussani. Giussani gehört zu den
Schweizer Netzpionieren: Er gestaltete unter anderem die
Internet-Ausgabe von «L'Hébdo» und schreibt seit
einem halben Jahr eine Multimediakolumne in der angesehenen
US-Zeitung «New York Times».
Der Journalist hat sich nun daran gemacht, die Spuren der
Kontroverse um das Nazigold und die Rolle der Schweiz im Zweiten
Weltkrieg auf dem Internet auf einer eigenen Seite zusammenzutragen.
Ähnliches tun zwar verschiedene Zeitschriften - auch der
«Brückenbauer» - schon seit längerem. Giussani
führt aber gewissermassen ein elektronisches Tagebuch über
die Kontroverse und aktualisiert seine Seite fast täglich.
Die wichtigsten Akteure
Es ist in der Tat eine Fülle von Material, das mittlerweile
zu diesem Thema rund um die Uhr abrufbar ist. Die wichtigsten Akteure
sind fast vollständig im Internet präsent: US-Senator
Alfonse D'Amato, der jüdische Weltkongress, der Schweizer
Bundesrat und die Task Force des Eidgenössischen Departements
für auswärtige Angelegenheiten (EDA) oder Nationalrat
Christoph Blocher.
Alle der genannten Personen und Institutionen bieten auch Texte
über Internet an: In Sachen Umfang dürfte der Bericht des
US-Unterstaatssekretärs Stewart Eizenstat am stärksten ins
Gewicht fallen. Wer ihn ausdruckt, muss aber mindestens 250 Blatt
Papier und einen Bundesordner bereithalten. Demgegenüber nehmen
sich die Materialien der Schweizer Task Force des
Eidgenössischen Departements für auswärtige
Angelegenheiten doch einiges knapper aus: die Rede des
Bundespräsidenten Arnold Koller sowie eine Reihe von Texten zur
Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg.
Der Journalist Bruno Giussani weist im Gespräch darauf hin,
dass das Internet mehr als nur ein neuer Verteilkanal für
Informationen ist: ein Kommunikationsmittel schlechthin. Das zeigt
sich am Beispiel von zwei US-Anwaltsfirmen, die über Internet
nach Holocaust-Opfern suchen und sie ermuntern, bei ihrer Sammelklage
mitzumachen. Ein weiteres Beispiel ist das Simon Wiesenthal Center,
das über Internet nach Informationen über 1500
nachrichtenlose Konten sucht.
Publikumsforum im TV
Ebenfalls interaktiv ist die Seite der US-Fernsehstation PBS, die
eine grosse Materialiensammlung zum Dokumentarfilm der BBC
«Nazigold und Judengeld» und ein Publikumsforum
eingerichtet hat: «Ich war bewegt, verärgert und
beschämt», schreibt dort beispielsweise ein
Auslandsschweizer. Der Film hat mit der unbewiesenen Behauptung, dass
in den Kriegsjahren Züge mit KZ-Opfern die Schweiz passierten,
erheblichen Staub aufgewirbelt.
Besonders interessant für Schweizer dürfte deshalb auch
der ausführliche Text des Interviews mit jener Frau
(«Elisabeth») sein, die in den Kriegsjahren als
Rotkreuz-Freiwillige des nachts Verpflegung in besagte Züge
brachte.
Der Westschweizer Journalist Bruno Giussani glaubt, dass
Publikumsdiskussionen, wie sie auf der Seite der Fernsehstation PBS
und auch in zahlreichen freien Diskussionsgruppen im Internet zu
finden sind, die öffentliche Meinung in den USA stark
prägen. Ausgerechnet dort sind aber keine Stimmen aus der
Schweiz präsent.