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Roam. Making Sense of the Wireless Internet

Reviews and press coverage

Nach der Internet-Euphorie ist vor der Internet-Euphorie

von Niko Waesche, Financial Times Deutschland, 7. Februar 2002

Zumindest ein Gutes hat es - wenn eine Prise Zynismus gestattet ist -, dass viele Kapitalgeber, Startup-Gründer und aufstrebende Manager in den vergangenen Monaten arbeitslos geworden sind: Endlich finden sie Zeit zum Lesen. Wahrscheinlich greifen sie zu Krimis, in denen hinterlistige Banker auf fiese Weise zu Tode befördet werden. Oder zu Thrillern, in den Konzernbosse sich als jämmerliche Waschlappen erweisen. So etwas tröstet und streichelt das Ego. Ausserdem ist solch entspannende Lektüre sicherlich sinnvoller, als mit einer bittersüssen Mischung aus Befriedigung und Hohn zu jenen Werken greifen, die einer güldenen Zukunft von E-Business oder M-Commerce das Wort reden: Zu schal ist der Triumph.

Höchstens, dass sie zum eigenen Amüsement zu einer der Rechtfertigungen lesen, die von erfolgslosen Internet-Gründern verfasst worden sind. Andreas Lindenberg hat so etwas geschrieben, über das Nürnberger Software-Unternehmen WWL. "Alptraum Neuer Markt" hat er's genannt. Das Buch von Ernst Malmsten heisst "Boo.hoo". Da Malmsten sich mit dem elektronischen Mode-Hipster Boo.com den grössten und spektakulärsten Flop der europäischen Internetgeschichte geleistet hat, ist ihm sein Buch zu verzeihen. Leider hat sich die Geschichte eines hoch fliegenden und hart landenden Internetgeschäftsmodells mittlerweile so oft wiederholt, dass sich fast schon Langeweile einstellt.
Roam Cover Picture

Also kein Blick zurück, sondern einer nach vorn: Und, schwupps, sind wir wieder beim Internet, nämlich bei Bruno Giussanis "Roam. Making Sense of the Wireless Internet". Giussani ist einer der erfahrensten und kritischsten Kommentatoren der europäischen Internetszene. Von 1996 bis 2000 verfasste er für die digitale Ausgabe der "New York Times" "Eurobytes", eine der wenigen gut recherchierten Kolumnen über die Entwicklung des Internets in Europa. Heute is Giussani für Innovation bei der schweizerischen UMTS-Tochter von Telefónica zuständig. Giussani schaffte es mit "Roam", den Blick auf zentralen Fragen zu legen, auf den Markt und vor allem auf den Kunden. Denn um den Kunden geht es ihm hauptsächlich.

Die Schweizer lässt sich nicht einlullen von pathetischen europäischen Fantasien der Weltdominanz im Mobilfunk. Er sieht klar, dass die Zukunft in Japan liegt und dass auch die USA in einigen Aspekten (wie die Verwendung von mobilen Datendiensten für Geschäftszwecke) weiter sind als Europa. Und er geht auf den Grund des Erfolgs von Japan ein, nämlich dem Geschäftsmodell - insbesondere die Preise und Abrechnungsmethoden aus Kundensicht.

Als Insider weiss Giussani nicht nur Bescheid über Technologie, sondern auch über die Leute, die darüber entscheiden. So versorgt er die Leser mit vielen Details über verschiedene Manager und über Entscheidungswege in bestimmten Unternehmen.

Ein brisantes politisches Thema, das Giussani allerdings nur am Rande disckutiert, ist die Frage nach der politischen Macht der Global Players im Telekommunikationsmarkt. Dass der UMTS-Standard ein weltweiter Standard ist, ist für die grossen Telekommunikationsanbieter sowie vor allem für Technologieanbieter wie Nokia und Ericsson für ihre Skaleneffekte in der Produktion wichtig. Der europäische Kunde sowie der Technologiestandort Europa hätte viel eher durch nationale Technologieexperimente mit Diensten der dritten Generation profitiert, wenn sie wie in Japan früh angelaufen wären. Kleine Unterschiede im Timing bedeuten in der Technologiewelt den Unterschied zwischen Weltklasse und Nachzügler.

Giussanis Buch ist tatsächlich eine sinnvollere Lektüre als Krimis oder Thriller: Die gescheiterten Gründer von Gestern können schliesslich die erfolgreichen Gründer von morgen sein. Sie müssen halt am Ball bleiben.

(Copyright Financial Times Deutschland 2002)
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