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Roam. Making Sense of the Wireless Internet

Reviews and press coverage

"Niemand wird sich einen James-Bond-Film aufs Handy laden"

von Thomas Brenzikofer, Netzwoche, 26. September 2001

Seit Anfang September dieses Jahres ist der Tessiner Journalist und Internetexperte Bruno Giussani bei der Schweizer Telefonica-Tochter 3G Mobile als Director for Innovation tätig. Im Oktober erscheint sein Buch "Roam. Making Sense of the Wireless Internet". Die Netzwoche wollte von ihm wissen, wie es aus seiner Sicht um die drahtlose Zukunft steht.

Herr Giussani, in den letzten sieben Jahren haben Sie als Journalist und Redaktor die Entwicklung der New Economy verfolgt. Nun verlassen Sie Ihre Chronistenrolle und greifen bei 3G Mobile selbst ins Geschehen ein. Was hat Sie dazu veranlasst?

Ich betätigte mich in der Internetszene auf ganz unterschiedlichen Ebenen: als Startup-Gründer, Projektleiter beim World Economic Forum, Berater, Redner und Universitätsdozent sowie natürlich auch als Journalist. Nachdem ich nun in den vergangenen Monaten hauptsächlich an meinem Buch gearbeitet habe, hat mich plötzlich die Herausforderung gepackt, meine Gedanken einem Reality-Check zu unterziehen. Und so habe ich das Angebot von Telefonica angenommen.

Um zu wissen, was Telefonica mit ihrer Schweizer UMTS-Lizenz vorhat, liest man also Ihr Buch?

Nein, im Buch habe ich meine eigene Einschätzung des Marktes und der zukünftigen Entwicklung niedergeschrieben. Der Reality-Check betrifft also mich persönlich. Aber es ist klar, dass ich meine Gedanken in meine neue Tätigkeit einbringen werde.
Roam Cover Picture

Wird UMTS überhaupt kommen?

Ja, allerdings wird UMTS nicht auf die Weise einschlagen, wie man dies vor einem Jahr noch herausposaunt hat. WAP und UMTS sind ja gewissermassen die europäische Version der Internetbubble gewesen: Wurden in den USA die Dotcoms in den Himmel gehoben, so waren es hierzulande die Telekommunikationsunternehmen. Der feste Glaubenssatz lautete so: Das Internet wächst schnell, der Mobilkommunikationsmarkt noch schneller, also muss beides zusammen erst recht spektakulär sein. Den ersten grossen Faupax hat man sich dann bei der Vermarktung von WAP erlaubt. So wurde WAP als Internet in der Westentasche angepriesen, was es natürlich nicht ist. Trotzdem ist und bleibt WAP eine interessante Technologie für den mobilen Datentransfer.

Das Marketing ist also schuld, dass die mobile Revolution nicht einsetzt?

Nicht nur. Auch der Staat hat das Seine dazu beigetragen, dass die Wireless World zunächst mal eine Totgeburt geworden ist. Denn mit den astronomischen Preisen, welche die Telefongesellschaften in vielen Ländern für die UMTS-Lizenzen hinblättern mussten, wurden die Erwartungen an die neue Technologie gewaltig geschürt. Vor allem der englische Staat hat es bestens verstanden, auf dem Pik des Hypes ein Maximum an Einnahmen für sich zu erzielen. In Deutschland hat Finanzminister Hans Eichel öffentlich erklärt, dass es Ziel der UMTS-Auktion war, unerwartete Einnahmen zwecks Schuldentilgung zu generieren. Dies ist zwar legitim, aber ökonomisch kaum sinnvoll. Denn die mobile Telekommunikation gehört genauso wie Autobahnen oder Flughäfen zur erfolgskritischen Infrastruktur einer Volkswirtschaft, zur Condition sine qua non der Attraktivität und Konkurrenzfähigkeit eines Standortes. So betrachtet waren die Auktionen völliger Unfug.

Warum?

Es ist doch klar, dass die Telekommunikationsunternehmen jetzt ihre teuren Lizenzen durch umso höhere Margen refinanzieren und gleichzeitig ihre Investitionen zurückfahren müssen. Dadurch bleibt weniger Platz für Experimente. Zudem dürfte die mobile Revolution in den ersten Jahren einzig in den grossen Ballungszentren stattfinden. Und selbst dort werden wir nicht die Dienstleistungsbreite antreffen, von der man in den vergangenen Jahren noch geschwärmt hatte. Statt einer Revolution erwarte ich eher eine Evolution des jetzigen Angebots. Messaging und Voice werden also noch lange die Hauptanwendungen in der Wireless World bleiben.

Die Verschmelzung von Internet und Handy wird auf irgendwann vertagt?

Zwischen der Wireless World und dem Internet gibt es einen grundsätzlichen Unterschied, der in der Euphorie zu wenig beachtet wurde. Nämlich der zwischen "rich" und "reach". Der erste Begriff bezeichnet die Reichhaltigkeit eines Mediums, der zweite dessen Reichweite. Das Internet ist ein reiches Medium, da es eine grosse Informationsfülle bietet. Wireless Internet hingegen ist ein Medium mit wenig Informationstiefe, hat dafür eine enorme Reichweite, weil ja die Benutzer ihr Handy immer mit sich herumtragen.

Was bedeutet dies für die Ausgestaltung dieses Mediums. Wo sehen Sie die Killer Applications?

Ich sehe drei Bereiche: Erfolgreiche Applikationen werden sich zum einen die Tatsache zunutze machen, dass auf dem Mobile Device standort- und zeitrelevante Informationen oder Dienstleistungen angeboten werden können. Eine weitere Killer Application sehe ich in Anwendungen, die das tägliche Leben erleichtern: zum Beispiel Preisvergleiche oder E-Ticketing sowie die Möglichkeit, das Handy als Bezahlungsmittel zu verwenden. Eine dritte Gruppe von Killer Applications ist im Unterhaltungsbereich anzusiedeln. Doch niemand wird sich einen James-Bond-Film aufs Handy laden. Aber Unterhaltungssnacks in Form von Musik-Clips, Quiz, Gossip oder Games werden sich sicher grosser Beliebtheit erfreuen.

Und wie wird man für solche Services bezahlen?

Am wahrscheinlichsten im Abonnement oder im Pay-per-Download, bei dem die Beträge dann über die Telefonrechnungen abgebucht werden. Eine weitere Möglichkeit besteht in speziellen Zahlungssystemen, die von einer Kreditkartengesellschaft oder Bank auf einer speziellen Sim-Karte direkt ins Handy integriert werden.

Wenn M-Commerce Realität wird, dürften also die Telekommunikationsgesellschaften zu einem grossen Teil die Funktion einer Bank übernehmen?

Mobilcom in Deutschland hat als erster Operator bereits ein Gesuch für eine Banklizenz gestellt. Tatsächlich sind die Telekommunikationsgesellschaften in einer strategischen Position, um einen Teil des Zahlungsverkehrs über das Telefon abwickeln zu können. Denn sie haben das einzig funktionierende Microbilling-System. Dem Konsumenten kann es ja egal sein, ob er seine Ausgaben auf einer Kreditkarten-Abrechnung oder auf der Telefonrechnung nachkontrolliert. Aber ich bin mir nicht sicher, ob die Operators derzeit daran interessiert sind, diese Rolle zu spielen.

Der Boom im Internet wurde zuletzt durch die B2B-Applikationen getragen. Wird das mobile Wireless zum Consumer-Medium?

Nein. Anwendungen für Konsumenten sind plakativer und eigneten sich deshalb in den vergangenen Jahren besser zur Propagierung der Wireless-Revolution. Im Business-Bereich geht man erst jetzt dran, interessante Lösungen zu entwickeln. Dies wird zugleich zu einem Umdenken in den Unternehmen führen. Denn bislang ist vor allem die Zentrale, also das obere Management und die Büroangestellten, mit Computer- und Internettechnologie ausgerüstet worden. Der Einsatz der Mobilkommunikation findet hingegen an der Peripherie statt, bei den Sales-Personen, Monteuren oder bei den Lastwagenfahrern. Letztlich werden aber die Firmenanwendungen das grössere Marktpotenzial darstellen als der Consumer-Bereich.

Die Mobilkommunikation hat viel mit dem Selbstverständnis Europas zu tun. Denn während das Internet amerikanisch ist, startet die Wireless-Revolution hier. Sehen Sie das auch so?

Es gibt einen grundsätzlichen Unterschied zwischen den USA und Europa. Wenn die Amerikaner an Mobilkommunikation denken, geht es darum, das Internet in ein mobiles Gerät zu packen. In Europa hingegen steht die Kommunikation im Vordergrund. In Tat und Wahrheit hat die Wireless-Revolution vorerst nur in Japan stattgefunden. Dies aus einem einfachen Grund: In Japan wird der Markt von den Telekommunikationsunternehmen beherrscht. Diese bestimmen, wie die Endgeräte aussehen und welcher Content auf ihnen angeboten wird. Wir Europäer sind da viel komplizierter. Das Problem ist, dass in der mobilen Telekommunikation niemand die gesamte Wertschöpfungskette koordiniert. Nur so lässt sich etwa erklären, dass alle Operators auch in der Schweiz derzeit GPRS-fähige Netze betreiben, ohne dass es dafür Handys, geschweige denn marktfähige Applikationen gäbe.

(Copyright Netzwoche 2001)
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