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Roam. Making Sense of the Wireless Internet

Reviews and press coverage

"Es wurden kapitale Fehler begangen"

von Daniela Decurtins, Tages-Anzeiger, 23. September 2002

Bruno Giussani führt ein Nomadenleben: Am Montag weilt der 38-Jährige in Prag zu einer Sitzung, am Dienstag besucht er in London eine Konferenz, und am Mittwoch trifft er in Paris Gesprächspartner. Den Rest der Woche verbringt er in Zürich und Faido. Der Tessiner gehört zu den wichtigsten Protagonisten in Europas Internet-szene. In "Europe's A-List. The Movers and Shakers of the European Cyberscene" befindet er sich unter den ersten 50, hat 1995 mit Tinet den ersten Internet-Service-Provider im Tessin und später die Europa-Ausgabe des "Industry Standards", des Kultblattes der New Economy mitaufgebaut.

Giussani ist ein Wandler zwischen Sprachen, Kulturen und Sichtweisen. Im Gespräch antwortet er auf Englisch, daneben schreibt er Artikel auf Italienisch und Französisch. Er versteht aber auch Deutsch und Spanisch. Sich zu vernetzen, ist sein Programm. Seit er mit 19 das Elternhaus in Faido verliess, um Lokaljournalist in Lugano zu werden und später in Genf Politische Wissenschaften zu studieren, blieb er selten lange an einem Ort. Als 26-Jähriger wurde er Politchef des Westschweizer Nachrichtenmagazins "L'Hebdo". Drei Jahre später, Anfang 1994, siedelte er nach New York über, um für "L'Hebdo" zu berichten. Dort entdeckte er das Internet. "Ich hatte das Gefühl, da entsteht etwas enorm Wichtiges", sagt er. Ihn interessierten vor allem die sozialpolitischen Aspekte: "Wie das Internet die Demokratie stärkt und es vielen Menschen überhaupt erst die Möglichkeit gibt, ihre Meinung frei zu äussern."
Roam Cover Picture

In der Zwischenzeit erlebte er Höhen und Tiefen der Internetökonomie, als Beobachter, aber auch als Beteiligter. Den Hype inszenierte er als Europa-Redaktor des "Industry Standards" sogar mit. Das Magazin war 1998 in San Francisco lanciert worden und mauserte sich innerhalb von nur zwei Jahren zum erfolgreichsten Magazin der Verlegergeschichte. Das wöchentlich erscheinende Heft quoll von Inseraten über, es wurde zum wichtigsten Vertriebskanal für Informationen einer Branche, die sich rasant bewegte. Entsprechend rasch legte das Magazin zu, überall auf der Welt, wo was los schien, wurden an bester Lage Büroräume gemietet und die profiliertesten Journalisten eingestellt.

Die Kosten brachen dem Magazin schliesslich das Genick, als der Inseratestrom abbrach - und das innerhalb von wenigen Wochen. "Es war einfach nicht möglich, genügend Distanz zu einer Bewegung zu halten, von der wir ein Teil waren. Schliesslich war der "Industry Standard auch ein Start-up, genauso wie die Firmen, über die wir schrieben", sagt er.

Im vergangenen Jahr schrieb Giussani, bevor er für kurze Zeit als Innovationschef für die Schweizer 3G Mobile/Telefónica tätig war, ein Buch über die Mobiltelefonie (siehe Kasten). Ausgangspunkt war die grosse Ernüchterung, die sich Monate nach den milliardenschweren Versteigerungen der UMTS-Lizenzen einstellte. "Es war für mich eine Art Katharsis", sagt er. Der Tessiner baut zurzeit ein neues Unternehmen auf, das sich auf das Innovationsgeschäft spezialisieren will.

Bruno Giussani, die Telecombranche steht vor einem riesigen Scherbenhaufen. Sie nennen dafür neben all den bekannten Gründen auch politische. Welche Bedeutung hatten sie?

Man darf die politischen Gründe nicht unterschätzen. Jahrelang war die Rede davon, dass Europa einen immensen Rückstand auf die USA hätte mit entsprechend negativen wirtschaftlichen Folgen. Die Europäer wähnten sich dafür in Sachen mobiler Kommunikation im Vorsprung. Sie dachten, dass wenn UMTS käme, Europa die USA sogar überflügeln könnte. In dieser Situation war es für die grossen Anbieter wie Deutsche Telekom oder France Télécom unmöglich, auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ob sich eine Lizenz zu diesen horrenden Preisen überhaupt rechnen würde. Hätten sie keine erworben, wäre der Börsenwert über Nacht halbiert worden.

Sehen Sie persönlich überhaupt noch einen Sinn in UMTS?

Durchaus. Viele Mobilfunkanbieter klagen bereits heute über die beschränkte Kapazität ihrer Netzwerke, vor allem in Städten. Sie benötigen zusätzliche Bandbreiten, um auch in Zukunft hochqualitative Sprachdienste anbieten zu können. Im Zusammenhang mit UMTS ist häufig die Rede von Killerapplikationen, beispielsweise Spiele, Videos, die man runterladen kann. Ich persönlich glaube, dass Sprache über lange Zeit die Killerapplikation bleiben wird. Mit der UMTS-Technologie werden zwar zusätzliche Kapazitäten geschaffen. Das rechtfertigt aber noch lange nicht den Preis, den einige bezahlt haben.

Kritiker machen für die Fehlinvestitionen jetzt gern die Liberalisierung verantwortlich. Teilen Sie diese Sicht?

Das ist eine mögliche Sicht. Durch die Marktöffnung wurde Wettbewerb geschaffen, der solche Fehlinvestitionen förderte - einfach aus dem Konkurrenzdenken heraus. Wenn es in jedem Land nur einen Anbieter gegeben hätte, wäre es nie zu dieser Entwicklung gekommen. Auf der andern Seite brachte die Marktöffnung viel Gutes, die Preise sanken, neue Produkte kamen auf den Markt und die Kunden wurden entdeckt. Sie hätte nur weitergehen sollen.

In welcher Hinsicht?

Bei der Liberalisierung wurden überall kapitale Fehler begangen. Die Märkte wurden geöffnet, indem der Regulator die Ex-Monopolisten prügelte. Dabei hätte man es genau umgekehrt machen und sie stärken müssen, indem man ihnen die Netzinfrastruktur als Monopol überlässt. Dafür hätte man bei den Diensten Wettbewerb schaffen können. Die Infrastruktur zu vervielfachen, wie das jetzt geschehen ist, ist nicht nur sehr teuer, sondern macht auch aus ökologischen und volkswirtschaftlichen Gründen keinen Sinn.

Trotz Ihrer Analyse haben Sie ausgerechnet bei Telefónica angeheuert - jenem vermeintlichen vierten Anbieter von UMTS in der Schweiz, der weder über eigene Netze noch über eine bekannte Marke verfügte und deshalb schon zu Beginn zum Scheitern verurteilt schien. Weshalb?

Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen erschloss ich mir so ein Testfeld für meine Erkenntnisse, die ich beim Schreiben des Buches gewonnen hatte. Zum andern ist die Schweiz für jemanden, der sich mit Mobilfunktechnologie beschäftigt, eines der interessantesten Länder. Dies deshalb, weil wir die grössten Pro-Kopf-Ausgaben für Telekommunikation und eine grosse Affinität zu neuen Technologien haben. Die Schweiz ist ein sehr guter Boden, um neue Modelle zu testen. Das war der ursprüngliche Plan von Telefónica.

Wie sah der genau aus?

Ich war bei Telefónica nicht nur Innovations-, sondern auch Kommunikations-chef. Die erste Frage, die mir ein Journalist stellte, lautete: Wie schaffen Sie es, Dienste anzubieten, die weniger als bei Sunrise kosten? Viele dachten so, dabei haben wir diese Option gar nie verfolgt. Wenn wir in der Schweiz so vorgegangen wären wie Quam in Deutschland, nämlich mit subventionierten Handys und Prepaid-Karten, wären wir mit Sicherheit gescheitert. Dafür ist die Penetrationsrate in der Schweiz viel zu hoch.

Ich nehme an, Telefónica plante sich auf kaufkräftige Nischen zu spezialisieren, also vor allem Business-Kunden?

Ich kann leider nichts dazu sagen. Die Pläne bestehen nach wie vor, auch wenn in der Schweiz fast alle Mitarbeiter entlassen wurden.

Ist die Realisierung der Pläne wirklich noch realistisch? Mit der Vergabe einer vierten Mobilfunklizenz wollte der Regulator eigentlich mehr Wettbewerb schaffen. Jetzt droht aber die Gefahr, dass sie nicht genutzt wird.

In den nächsten Jahren wird wahrscheinlich in Europa ein Zweiter Markt für Lizenzen entstehen. Sie werden dann viel billiger als noch vor zwei Jahren zu haben sein, aber dies ist für die Unternehmen immer noch besser, als sie ganz abzuschreiben. Telefónica wird sicher einer der Verkäufer sein, und Hutchison dürfte als Käufer auftreten. Was mit der vierten Schweizer Lizenz konkret geschieht, lässt sich derzeit aber noch nicht abschätzen.

Als Sie sich mit dem Internet zu beschäftigen begannen, haben Sie dies aus einer sozialpolitisch romantischen Perspektive getan. Welche Hoffnungen haben sich bestätigt und welche entpuppten sich als Illusionen?

Das Internet hat in den letzten acht Jahren sehr viel verändert. Wir tendieren dazu, dies zu unterschätzen, weil es zu einem Bestandteil des täglichen Lebens geworden ist. Denken Sie nur an E-Mail. Das Internet hat die Welt sowohl im Guten als auch im Schlechten verändert.

Welche Entwicklungen betrachten Sie als negativ?

Auf vielen Gebieten ist ein Verlust an Privatheit eingetreten. Die Menschen sind bereit, im Internet persönliche Informationen zu hinterlassen. Dabei haben Regierungsstellen komplexe Überwachungssysteme aufgebaut, nicht nur im Internet, aber eben auch dort, um E-Mails zu verfolgen und Leute zu überwachen, mit wem sie kommunizieren und welche Seiten sie sich anschauen. Vielen ist dieser Verlust an Privatheit heute nicht bewusst, aber er wird es mit Sicherheit werden. Probleme sehe ich auch bei der Regulierung.

Inwiefern?

Paradebeispiel ist der Fall einer amerikanischen Webseite, Yahoo, der ein französisches Gericht das Verhalten diktieren wollte und umgekehrt. Die Frage ist, wo welches Recht angewandt wird. Hier sind riesige kulturelle und rechtliche Zusammenstösse programmiert. Das Problem ist, dass wir eine globale Infrastruktur haben, aber keine weltumspannende Regulierung kennen. Das liegt daran, dass das Recht letztlich durch kulturelle Überzeugungen geprägt ist, die sehr unterschiedlich sein können. Das gilt nicht nur für das Internet. Das Thema ist viel umfassender.

Die Uno könnte am ehesten eine solche Rolle übernehmen.

In der gegenwärtigen Struktur ist sie nicht in der Lage dazu. Sie arbeitet noch immer sehr konsensorientiert und zu langsam. Es braucht eine Form von globaler Steuerung auf verschiedenen Ebenen.

Wen sehen Sie dann?

Es herrscht derzeit ein Vakuum. Die USA verteidigen ihre wirtschaftlichen und politischen Interessen sehr resolut. Die EU ist zurzeit keine Alternative. Jeder Entscheid über eine gemeinsame Aussenpolitik löst riesige Diskussionen in den Mitgliedsstaaten aus. In 10 bis 15 Jahren wird aber auch China sehr viel Gewicht in der Weltpolitik erhalten. Darauf müssen wir uns vorbereiten. Ethnische und religiöse Spannungen werden in dem Masse zunehmen, wie die Globalisierung fortschreitet. Einfach jedes Mal amerikanische und britische Truppen ins Land zu schicken, ist keine Lösung.


Das andere New-Economy-Buch

Die Ablagen in den Buchläden sind voll von Wirtschafts-Ratgebern: Sie verkaufen sich gut, dienen sich an als Schlüssel zum Erfolg. Ihre Botschaft ist immer dieselbe: Man muss dies oder jenes tun, damit das Unternehmen überlebt bzw. dass man erfolgreich ist. Bruno Giussanis Buch gehört nicht zu dieser Kategorie. Es ist vielmehr ein stark journalistisch geprägtes Buch, in dem er viele Protagonisten zu Wort kommen lässt. Neu liegt es auch als Taschenbuch in einer aktualisierten Fassung auf. Im ersten Teil des Buches beschreibt Giussani eindrücklich, wie die Erwartungen mit UMTS geschürt und weshalb sie enttäuscht wurden. Im zweiten Teil wird der künftige Markt für bestimmte Dienstleistungen untersucht - mit einer gesunden Distanz zu den hochtrabenden Zahlen der Marktforschungsinstitute. Im letzten Teil nimmt Giussani die Diskussion über die Gefahren der mobilen Welt auf. Das Buch ist in Englisch und Italienisch erschienen, im Oktober wird es in China auf den Markt kommen. (dan)

Giussani, Bruno: Roam. Making Sense of the Wireless Internet, London 2002, 320 Seiten.

(Copyright Tages-Anzeiger 2002)
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