Bruno Giussani führt ein Nomadenleben: Am Montag weilt der 38-Jährige in
Prag zu einer Sitzung, am Dienstag besucht er in London eine Konferenz, und
am Mittwoch trifft er in Paris Gesprächspartner. Den Rest der Woche
verbringt er in Zürich und Faido. Der Tessiner gehört zu den wichtigsten
Protagonisten in Europas Internet-szene. In "Europe's A-List. The Movers and
Shakers of the European Cyberscene" befindet er sich unter den ersten 50,
hat 1995 mit Tinet den ersten Internet-Service-Provider im Tessin und später
die Europa-Ausgabe des "Industry Standards", des Kultblattes der New Economy
mitaufgebaut.
Giussani ist ein Wandler zwischen Sprachen, Kulturen und Sichtweisen. Im
Gespräch antwortet er auf Englisch, daneben schreibt er Artikel auf
Italienisch und Französisch. Er versteht aber auch Deutsch und Spanisch.
Sich zu vernetzen, ist sein Programm. Seit er mit 19 das Elternhaus in Faido
verliess, um Lokaljournalist in Lugano zu werden und später in Genf
Politische Wissenschaften zu studieren, blieb er selten lange an einem Ort.
Als 26-Jähriger wurde er Politchef des Westschweizer Nachrichtenmagazins
"L'Hebdo". Drei Jahre später, Anfang 1994, siedelte er nach New York über,
um für "L'Hebdo" zu berichten. Dort entdeckte er das Internet. "Ich hatte
das Gefühl, da entsteht etwas enorm Wichtiges", sagt er. Ihn interessierten
vor allem die sozialpolitischen Aspekte: "Wie das Internet die Demokratie
stärkt und es vielen Menschen überhaupt erst die Möglichkeit gibt, ihre
Meinung frei zu äussern."
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In der Zwischenzeit erlebte er Höhen und Tiefen der Internetökonomie, als
Beobachter, aber auch als Beteiligter. Den Hype inszenierte er als
Europa-Redaktor des "Industry Standards" sogar mit. Das Magazin war 1998 in
San Francisco lanciert worden und mauserte sich innerhalb von nur zwei
Jahren zum erfolgreichsten Magazin der Verlegergeschichte. Das wöchentlich
erscheinende Heft quoll von Inseraten über, es wurde zum wichtigsten
Vertriebskanal für Informationen einer Branche, die sich rasant bewegte.
Entsprechend rasch legte das Magazin zu, überall auf der Welt, wo was los
schien, wurden an bester Lage Büroräume gemietet und die profiliertesten
Journalisten eingestellt.
Die Kosten brachen dem Magazin schliesslich das Genick, als der
Inseratestrom abbrach - und das innerhalb von wenigen Wochen. "Es war
einfach nicht möglich, genügend Distanz zu einer Bewegung zu halten, von der
wir ein Teil waren. Schliesslich war der "Industry Standard auch ein
Start-up, genauso wie die Firmen, über die wir schrieben", sagt er.
Im vergangenen Jahr schrieb Giussani, bevor er für kurze Zeit als
Innovationschef für die Schweizer 3G Mobile/Telefónica tätig war, ein Buch
über die Mobiltelefonie (siehe Kasten). Ausgangspunkt war die grosse
Ernüchterung, die sich Monate nach den milliardenschweren Versteigerungen
der UMTS-Lizenzen einstellte. "Es war für mich eine Art Katharsis", sagt er.
Der Tessiner baut zurzeit ein neues Unternehmen auf, das sich auf das
Innovationsgeschäft spezialisieren will.
Bruno Giussani, die Telecombranche steht vor einem riesigen
Scherbenhaufen. Sie nennen dafür neben all den bekannten Gründen auch
politische. Welche Bedeutung hatten sie?
Man darf die politischen Gründe nicht unterschätzen. Jahrelang war die Rede
davon, dass Europa einen immensen Rückstand auf die USA hätte mit
entsprechend negativen wirtschaftlichen Folgen. Die Europäer wähnten sich
dafür in Sachen mobiler Kommunikation im Vorsprung. Sie dachten, dass wenn
UMTS käme, Europa die USA sogar überflügeln könnte. In dieser Situation war
es für die grossen Anbieter wie Deutsche Telekom oder France Télécom
unmöglich, auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ob sich eine
Lizenz zu diesen horrenden Preisen überhaupt rechnen würde. Hätten sie keine
erworben, wäre der Börsenwert über Nacht halbiert worden.
Sehen Sie persönlich überhaupt noch einen Sinn in UMTS?
Durchaus. Viele Mobilfunkanbieter klagen bereits heute über die beschränkte
Kapazität ihrer Netzwerke, vor allem in Städten. Sie benötigen zusätzliche
Bandbreiten, um auch in Zukunft hochqualitative Sprachdienste anbieten zu
können. Im Zusammenhang mit UMTS ist häufig die Rede von
Killerapplikationen, beispielsweise Spiele, Videos, die man runterladen
kann. Ich persönlich glaube, dass Sprache über lange Zeit die
Killerapplikation bleiben wird. Mit der UMTS-Technologie werden zwar
zusätzliche Kapazitäten geschaffen. Das rechtfertigt aber noch lange nicht
den Preis, den einige bezahlt haben.
Kritiker machen für die Fehlinvestitionen jetzt gern die Liberalisierung
verantwortlich. Teilen Sie diese Sicht?
Das ist eine mögliche Sicht. Durch die Marktöffnung wurde Wettbewerb
geschaffen, der solche Fehlinvestitionen förderte - einfach aus dem
Konkurrenzdenken heraus. Wenn es in jedem Land nur einen Anbieter gegeben
hätte, wäre es nie zu dieser Entwicklung gekommen. Auf der andern Seite
brachte die Marktöffnung viel Gutes, die Preise sanken, neue Produkte kamen
auf den Markt und die Kunden wurden entdeckt. Sie hätte nur weitergehen
sollen.
In welcher Hinsicht?
Bei der Liberalisierung wurden überall kapitale Fehler begangen. Die Märkte
wurden geöffnet, indem der Regulator die Ex-Monopolisten prügelte. Dabei
hätte man es genau umgekehrt machen und sie stärken müssen, indem man ihnen
die Netzinfrastruktur als Monopol überlässt. Dafür hätte man bei den
Diensten Wettbewerb schaffen können. Die Infrastruktur zu vervielfachen, wie
das jetzt geschehen ist, ist nicht nur sehr teuer, sondern macht auch aus
ökologischen und volkswirtschaftlichen Gründen keinen Sinn.
Trotz Ihrer Analyse haben Sie ausgerechnet bei Telefónica angeheuert - jenem
vermeintlichen vierten Anbieter von UMTS in der Schweiz, der weder über
eigene Netze noch über eine bekannte Marke verfügte und deshalb schon zu
Beginn zum Scheitern verurteilt schien. Weshalb?
Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen erschloss ich mir so ein Testfeld
für meine Erkenntnisse, die ich beim Schreiben des Buches gewonnen hatte.
Zum andern ist die Schweiz für jemanden, der sich mit Mobilfunktechnologie
beschäftigt, eines der interessantesten Länder. Dies deshalb, weil wir die
grössten Pro-Kopf-Ausgaben für Telekommunikation und eine grosse Affinität
zu neuen Technologien haben. Die Schweiz ist ein sehr guter Boden, um neue
Modelle zu testen. Das war der ursprüngliche Plan von Telefónica.
Wie sah der genau aus?
Ich war bei Telefónica nicht nur Innovations-, sondern auch
Kommunikations-chef. Die erste Frage, die mir ein Journalist stellte,
lautete: Wie schaffen Sie es, Dienste anzubieten, die weniger als bei
Sunrise kosten? Viele dachten so, dabei haben wir diese Option gar nie
verfolgt. Wenn wir in der Schweiz so vorgegangen wären wie Quam in
Deutschland, nämlich mit subventionierten Handys und Prepaid-Karten, wären
wir mit Sicherheit gescheitert. Dafür ist die Penetrationsrate in der
Schweiz viel zu hoch.
Ich nehme an, Telefónica plante sich auf kaufkräftige Nischen zu
spezialisieren, also vor allem Business-Kunden?
Ich kann leider nichts dazu sagen. Die Pläne bestehen nach wie vor, auch
wenn in der Schweiz fast alle Mitarbeiter entlassen wurden.
Ist die Realisierung der Pläne wirklich noch realistisch? Mit der Vergabe
einer vierten Mobilfunklizenz wollte der Regulator eigentlich mehr
Wettbewerb schaffen. Jetzt droht aber die Gefahr, dass sie nicht genutzt
wird.
In den nächsten Jahren wird wahrscheinlich in Europa ein Zweiter Markt für
Lizenzen entstehen. Sie werden dann viel billiger als noch vor zwei Jahren
zu haben sein, aber dies ist für die Unternehmen immer noch besser, als sie
ganz abzuschreiben. Telefónica wird sicher einer der Verkäufer sein, und
Hutchison dürfte als Käufer auftreten. Was mit der vierten Schweizer Lizenz
konkret geschieht, lässt sich derzeit aber noch nicht abschätzen.
Als Sie sich mit dem Internet zu beschäftigen begannen, haben Sie dies aus
einer sozialpolitisch romantischen Perspektive getan. Welche Hoffnungen
haben sich bestätigt und welche entpuppten sich als Illusionen?
Das Internet hat in den letzten acht Jahren sehr viel verändert. Wir
tendieren dazu, dies zu unterschätzen, weil es zu einem Bestandteil des
täglichen Lebens geworden ist. Denken Sie nur an E-Mail. Das Internet hat
die Welt sowohl im Guten als auch im Schlechten verändert.
Welche Entwicklungen betrachten Sie als negativ?
Auf vielen Gebieten ist ein Verlust an Privatheit eingetreten. Die Menschen
sind bereit, im Internet persönliche Informationen zu hinterlassen. Dabei
haben Regierungsstellen komplexe Überwachungssysteme aufgebaut, nicht nur im
Internet, aber eben auch dort, um E-Mails zu verfolgen und Leute zu
überwachen, mit wem sie kommunizieren und welche Seiten sie sich anschauen.
Vielen ist dieser Verlust an Privatheit heute nicht bewusst, aber er wird es
mit Sicherheit werden. Probleme sehe ich auch bei der Regulierung.
Inwiefern?
Paradebeispiel ist der Fall einer amerikanischen Webseite, Yahoo, der ein
französisches Gericht das Verhalten diktieren wollte und umgekehrt. Die
Frage ist, wo welches Recht angewandt wird. Hier sind riesige kulturelle und
rechtliche Zusammenstösse programmiert. Das Problem ist, dass wir eine
globale Infrastruktur haben, aber keine weltumspannende Regulierung kennen.
Das liegt daran, dass das Recht letztlich durch kulturelle Überzeugungen
geprägt ist, die sehr unterschiedlich sein können. Das gilt nicht nur für
das Internet. Das Thema ist viel umfassender.
Die Uno könnte am ehesten eine solche Rolle übernehmen.
In der gegenwärtigen Struktur ist sie nicht in der Lage dazu. Sie arbeitet
noch immer sehr konsensorientiert und zu langsam. Es braucht eine Form von
globaler Steuerung auf verschiedenen Ebenen.
Wen sehen Sie dann?
Es herrscht derzeit ein Vakuum. Die USA verteidigen ihre wirtschaftlichen
und politischen Interessen sehr resolut. Die EU ist zurzeit keine
Alternative. Jeder Entscheid über eine gemeinsame Aussenpolitik löst riesige
Diskussionen in den Mitgliedsstaaten aus. In 10 bis 15 Jahren wird aber auch
China sehr viel Gewicht in der Weltpolitik erhalten. Darauf müssen wir uns
vorbereiten. Ethnische und religiöse Spannungen werden in dem Masse
zunehmen, wie die Globalisierung fortschreitet. Einfach jedes Mal
amerikanische und britische Truppen ins Land zu schicken, ist keine Lösung.
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Das andere New-Economy-Buch
Die Ablagen in den Buchläden sind voll von Wirtschafts-Ratgebern: Sie
verkaufen sich gut, dienen sich an als Schlüssel zum Erfolg. Ihre Botschaft
ist immer dieselbe: Man muss dies oder jenes tun, damit das Unternehmen
überlebt bzw. dass man erfolgreich ist. Bruno Giussanis Buch gehört nicht zu
dieser Kategorie. Es ist vielmehr ein stark journalistisch geprägtes Buch,
in dem er viele Protagonisten zu Wort kommen lässt. Neu liegt es auch als
Taschenbuch in einer aktualisierten Fassung auf. Im ersten Teil des Buches
beschreibt Giussani eindrücklich, wie die Erwartungen mit UMTS geschürt
und weshalb sie enttäuscht wurden. Im zweiten Teil wird der künftige Markt
für bestimmte Dienstleistungen untersucht - mit einer gesunden Distanz zu
den hochtrabenden Zahlen der Marktforschungsinstitute. Im letzten Teil nimmt
Giussani die Diskussion über die Gefahren der mobilen Welt auf. Das Buch
ist in Englisch und Italienisch erschienen, im Oktober wird es in China auf
den Markt kommen. (dan)
Giussani, Bruno: Roam. Making Sense of the Wireless Internet, London
2002, 320 Seiten.
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(Copyright Tages-Anzeiger 2002)
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